Haus Leopold im Wienerwald
Wie SUE-Architekten die Magie einer Sommerfrische im Wienerwald wieder entdeckten

Jedes alte Haus hat seine Geschichte. Sie erzählt von Freude oder Einsamkeit, von Kindheit, Not oder Glück. Wer in das Haus anderer Menschen einzieht und nicht aufpasst, der wird von diesen Geschichten, die oft das Leben seiner Vorfahren ausmachen, erdrückt.

Ein guter Architekt muss ein guter Rechercheur und Erzähler sein. Gemeinsam mit dem Bauherrn versucht er zu rekonstruieren, welche Geschichte in einem Haus wohnt. Ein guter Architekt lässt sich von der Geschichte nicht abschrecken, er lässt sich von ihr inspirieren und setzt diese fort. Respektvoll, aber durchaus auch radikal.

SUE-Architekten, sind solche Zuhörer und Erzähler. Deshalb haben sie die Renovierung meines Hauses sehr unkonventionell begonnen. Sie haben sich zuerst die Geschichte des Gebäudes erzählen lassen, vergilbte Fotografien betrachtet und alte Pläne ausgerollt. Sie haben den Garten durchschritten, den das Haus umgibt.

SUE haben, was sie ja nicht müssten, eine sehr private Story vortragen lassen. Sie handelte von einem Sommersitz meiner Urgroßmutter, einer Wiener Greißlerin, die ihren Garten mit Obstbäumen bepflanzte. Sie wollte nach zwei Weltkriegen einen Platz an der Sonne für sich und die ihren. Sie kaufte dieses kleine Mansardenhäuschen aus dem Jahr 1929. Das war 1949, nur vier Jahre nach dem Krieg, dem alle entkamen.

Die Bilder, die ich SUE vorlegte, zeigen eine Familie im Nachkriegsösterreich. Großmutter und den Großvater, gerade der Front entkommen. Er springt mit einem Salto ins „Bassin“. Gemütlich saßen sie zusammen in der später zugefügten obligaten Zirbenstube, daneben der Kachelofen, darüber schwere Deckenbalken.

SUE gaben zu verstehen, dass Stube und Kachelofen nur noch liebgewonnener Ballast der Vergangenheit waren. Sie wollten sie aus der Geschichte des Sommerhauses herausredigieren und ich war sentimental und skeptisch. Wo setzt man mit der Dekonstruktion an? Wo muss man Altes erhalten? Wir spürten, dass es andere Elemente waren, die das Gebäude prägen sollten. Diese knorrigen Apfelbäume, die hinter dem Haus blühten. Der Schuppen aus dem 34er Jahr, der auf der fensterlosen Seite des Hauses dahinmoderte. Die alten blutwurstroten Terazzo-Böden, die wie Pompeische Schätze unter grauen Fliesen begraben waren.

Erste Skizzen zeigten neue Wege und Blickachsen durch den Obstgarten und feine Plätze, die noch niemand entdeckt hatte. SUE gaben dem Haus eine neue, offene Struktur, ein neues Raumkonzept

Sie setzten zwei radikale Schritte: sie ließen eine Außenwand wegstemmen und durch eine großzügige, aber kostengünstige Glasscheibe ersetzen. Aus drei kleinen dunklen Zimmerchen machten sie ein großes, helles loftartiges, das nun den Blick freigab auf Obstbäume und Magnolie, auf das Bassin und den schwarz geölten Schuppen.

Schuppen und Haus wurden mit einer schwebenden Lerchenholzterrasse verbunden, die den unteren Garten überblickt und dort kreisrund ausgeschnitten wurde, wo die alten Obstbäume stehen. Manchen Angeboten der Handwerker (Kastenfenster rausreißen, Fassade Dämmen, alte Türgriffe erneuern) widerstanden wir.

Wenn die Kinder nun rausschauen aus dem spektakulären Fenster, sehen sie die Kronen der Obstbäume, die von unten beleuchtet werden. Sie sehen Vögel und Eichkätzchen.

Ich hatte nicht vermutet, welches Spektakel sich hier durch SUEs Achitektur zu jeder Jahreszeit offenbaren wird, wie fein die Strukturen verschneiter oder blühender Äste und heranwachsender Früchte sein können. Eine Kulisse, die immer schon da war, aber nie entdeckt wurde. Das Haus entfaltet wieder jene Magie, die schon die Vorfahren suchten. Durch die große Scheibe wird sie Teil des Hauses. Sie erzählt die Geschichte dieser Sommerfrische neu.

Man könnte hier noch viele Ratschläge anfügen. Etwa, dass man seinen Architekten auch in vielen kleinen Details vertrauen sollte. Sie wissen, welche Böden man legt, welche Decken man absenkt, welche Träger man versteckt, welche Holzbänke ein Fenster braucht, wo mit Fixverglasung gearbeitet werden soll und welche Dimension ein Raum haben muss, um angenehm zu wirken. Diese kleinen Details sind die elegant gesetzten Satzzeichen einer Geschichte.

Nur schlechte Erzählerfügen ihren Stories Ausrufezeichen an. Sie müssen brüllen, weil ihnen sonst niemand zuhört. Die begabten Storyteller überzeugen ihr Publikum ohne Ausrufezeichen. Egal ob sie ihre Geschichten zu Papier bringen oder diese mit Ziegeln erzählen.

Der Auftraggeber lebt als Journalist im Wienerwald.

Fotos: Veronika Hofinger & Andreas Buchberger