Das Projekt ist im Wesentlichen in zwei Bereichen gegliedert:

Ein langgestreckter Verwaltungstrakt unmittelbar an der Straße und von dieser abgewandt ein kammartig gegliederter Wohntrakt, dessen Höfe sich zu Bach und Berg öffnen.

Der Schubhaftteil mit seinen Fingern bildet für jede Abteilung eine individuelle Hofsituation und ist so angelegt, dass hier Wohngruppen möglichst autark und mit hoher Lebensqualität funktionieren. Um diese Höfe ist jeweils eine Abteilung gruppiert. Die ostseitigen Finger bilden die Gemeinschaftszonen und durchdringen den formal strengen Verwaltungstrakt. An diesen Punkten finden die funktionalen Berührungspunkte zwischen den Angehaltenen und der Verwaltung Platz. Diese Treffpunkte (Besuch, Verhandlung von Asylfragen, Rückkehrberatung, etc) öffnen sich zur Straßenseite hin. Die Anwesenheit der angehaltenen Menschen wird daher mittelbar wie auch zeichenhaft präsent, die Differenz zu einer Haftanstalt bewusst. Der Verwaltungstrakt übernimmt an Stelle einer Mauer die Außensicherung entlang der Straße.
 

 

Unser Büro hat den Wettbewerb für den Bau des Schubhaftzentrums Vordernberg gewonnen. Dabei handelt es sich um ein Gebäude für zweihundert Menschen, die sich illegal in Österreich aufhalten, in Schubhaft genommen und dort untergebracht werden sollen. Zusätzliche hundert Personen sind für den Verwaltungsaufwand vorgesehen. Sobald man in Österreich als sogenannter Illegaler aufgegriffen wird, wird man in eine Zelle gesteckt, die wie eine normale Gefängniszelle funktioniert. Man hat das Recht auf eine Stunde Ausgang. Sonst bleiben die Türen, außer im Frauen- und Familienbereich, geschlossen.

Wenn man durch ein Gefangenenhaus geht, sieht man niemanden. Einkaufen darf man einmal in der Woche und dabei 15 - 20 Euro für den persönlichen Gebrauch verwenden. Um mit der Außenwelt Kontakt zu halten, darf man zwei Stunden pro Woche Kontakt mit Angehörigen pflegen. Dieser Kontakt ist normalerweise nur durch eine Glasscheibe möglich. Die Schubhäftlinge sitzen nebeneinander, haben einen Telefonhörer in der Hand und kommunizieren so, weil die Angst besteht, dass Gegenstände eingeschmuggelt werden. Wegsperren ist ein Prozess, der mittlerweile sehr gut funktioniert ebenso wie Abschiebeprozesse, diein unserer Gesellschaft nicht sichtbar sind, sondern hinter verschlossenen Türen stattfinden. 

Die Gefängniszelle von Schubhäftlingen hat keinen Namen sondern eine Nummer. Die Menschen haben kein Gesicht, sondern sind einfach Durchlaufposten, die verwaltet werden.

In unserer Arbeit beziehen wir uns auf drei Grundlagen: 

Die Sprache, die Würde, das Gesicht: Erstens geht es um Sprache. Offiziell sind Schubhäftlinge keine Strafhäftlinge. Sie haben nichts verbrochen, außer dass sie illegal hier sind. In Wahrheit behandelt man sie schlimmer als Strafgefangene. Sie dürfen nicht arbeiten, sich eine Stunde am Tag im Freien und sonst nur in einer Zelle aufhalten, aus der man nur hinaussehen kann, wenn man aufs Bett steigt. In unserem Projekt sprechen wir nicht von Gefängniszellen sondern von Schlafräumen, von Aufenthaltsräumen und nicht vom Gefangenenbereich. Wir hoffen, dass dieses Wording von jenen übernommen wird, die die Räume künftig nutzenund dann auch wirkt und gelebt wird.

Zweitens geht es um Würde. Wie kann man Menschen, die in einer schwierigen Situation sind, ihre Würde und Selbstbestimmtheit belassen? In der momentanen Situation endet die Selbstbestimmung mit der Überlegung, wann man auf die Toilette geht, weil in jeder Zelle eine Toilette steht, während man für jede andere Tätigkeit eine Zustimmung benötigt. Wir möchten den Menschen möglichst viel Selbstbestimmung im Tagesablauf ermöglichen durch Rückzugsräume und angemessene Gruppengrößen. Wenn sich zwei Menschen nicht mögen, dann müssen sie sich aus dem Weg gehen können. Das ist eine Frage der Würde.

Drittens soll den Menschen ein Gesicht gegeben werden. Für uns ist es wichtig, dass es eine Kommunikation zwischen den Leuten gibt, die den Schlüssel halten und daher die Macht haben und den Leuten, die diesen Schlüssel nicht haben. Die Wärter sollen nicht in ihrem eigenen abgeschlossenen Häuschen sitzen, sondern mit den Schubhäftlingen Kontakt haben. Die Strukturen sollen möglichst offen sein. Die Prozesse rund um die Verhandlung des Aufenthaltsstatus dürfen nicht hinter verschlossenen Zimmern passieren, sondern das soll sichtbar sein, weil wir meinen, dass die Menschen dann anders miteinander umgehen.

SUE über das Projekt beim IG Architektur Peneder Future Lab in La Claustra 10 2010