Schubhaftzentrum Vordernberg
Siegerprojekt EU weit offener Wettbewerb

Die Gemeinde Vordernberg, gelegen in einem wunderschönen, bewaldeten Tal inmitten der Steiermark, lebte früher von der Stahlverarbeitung und ist seit Jahren stark mit dem Problem der Abwanderung konfrontiert. Die Bewohner des Ortes stimmten daher dem Bau eines Schubhaftzentrums auf Gemeindegebiet zu. Der Gemeinde wurde vom Bundesministerium für Inneres im Gegenzug die Schaffung neuer Arbeitsplätze versprochen.

Unser Büro hat den Wettbewerb für den Bau des Schubhaftzentrums Vordernberg gewonnen. Dabei handelt es sich um ein Gebäude, in dem zweihundert Menschen untergebracht werden können, Menschen, die sich illegal in Österreich aufhalten und deswegen in Schubhaft genommen wurden. Es geht also um Personen, die vom Staat angehalten werden, sich aber nichts zu Schulden kommen haben lassen, außer, dass sie keinen Aufenthaltstitel für die Europäischen Union haben.  Zweihundert zusätzliche Personen sind für die Verwaltung vorgesehen.

Wir haben uns entschlossen, dieses Projekt zu bearbeiten, da für uns Orte wie diese, an denen die ungelösten Fragen unserer Gesellschaft –wie Europa mit Migration umgeht, wie Verteilung funktioniert und wer am Wohlstand teilhaben darf – von zentraler Bedeutung sind. Die gesellschaftlichen Fragen werden sich nicht allein über die Architektur lösen lassen. Bei den  harten Antworten die die Europäische Union momentan gibt, erachten wir es als für besonders wichtig, dass den betroffenen Personen, den „Illegalen“, in der Zeit, in denen der Staat für sie die Verantwortung übernimmt, einen Aufenthalt ermöglicht, der ihnen ihre Würde lässt.  Alle Assoziationen von Strafe oder Entwürdigung sind hier fehl am Platz.

Spielräume sind da um interpretiert und befüllt zu werden. Die sorgfältige und ernsthafte Wettbewerbsauslobung durch das Ministerium für Inneres hat Spielräume ermöglicht; wir sahen es als unsere Aufgabe, diese zu interpretieren und bestmöglich, im oben erklärten Sinn zu nutzen. Die von uns eingebrachten Vorschläge wurden von umsichtigen Vertretern der Bundesimmobiliengesellschaft und des Ministeriums für Inneres oft hinterfragt, letztlich aber konsequent mitgetragen. Diese gute über ideologische Standpunkte hinausgehende Zusammenarbeit mit unserem Auftraggeber hat es ermöglicht, Wege zu gehen, die in Österreich für die Unterbringung in Polizeianhaltezentren, aber auch in Gefängnissen neue Maßstäbe setzen.

Wenn man durch ein herkömmliches Schubhaftzentrum geht, sieht man normalerweise niemanden. Die Gefängniszelle von Schubhäftlingen hat momentan keinen Namen, sondern eine Nummer. Die Menschen haben kein Gesicht, sondern sind Durchlaufposten, die verwaltet werden.

Wer dort untergebracht ist, darf einmal in der Woche einkaufen und dabei einen geringen Betrag für den persönlichen Gebrauch aufwenden. Die Verbindung mit der Außenwelt besteht im Kontakt mit Angehörigen, für den bis zu zwei Stunden pro Woche vorgesehen sind. Die Kommunikation ist dabei normalerweise nur durch eine Glasscheibe möglich, weil die Angst besteht, dass sonst Gegenstände eingeschmuggelt werden könnten. Die Schubhäftlinge sitzen nebeneinander und sprechen durch Telefonhörer. Wegsperren ist ein Prozess der mittlerweile sehr gut funktioniert ebenso wie Abschiebeprozesse, die in unserer Gesellschaft nicht sichtbar sind, sondern hinter verschlossenen Türen stattfinden. Die Mauer ist weniger Sicherheitserfordernis – moderne automatisierte Überwachungstechnologien übernehmen diese Aufgaben sehr zuverlässig - vielmehr  verhindert sie den Einblick und trennt die Logik des Innen von der Logik der Freiheit.

Das  architektonische Konzept

Der rund 10.10.000m² große Neubau ist im Wesentlichen in zwei Bereiche gegliedert: Ein langgestreckter Verwaltungstrakt – etwa ein Drittel der Bausubstanz - steht unmittelbar an der Straße. Von diesem abgewandt, entwickelt sich der kammartig gegliederte Wohntrakt mit ca. 6.500m².  Die Höfe dieser Wohnbereiche öffnen sich zu Bach und Berg.

Der Schubhaftteil mit seiner fächerartigen Struktur, bildet für die neun Wohngruppen jeweils eine individuelle Hofsituation und ist so angelegt, dass die Wohngruppen autark und mit, den Umständen entsprechend, hoher Lebensqualität funktionieren. Die Wohngruppen sind jeweils um einen Hof gruppiert. Anders als in herkömmlichen Gefängnistypologien ist der Freiraum somit immer einer Abteilung mit etwas mehr als 20 Personen zugehörig und einsichtig. Jede Wohngruppe hat neben dem Wohnzimmer und der Küche noch mehrere zusätzliche Aufenthaltsräume, die es möglich machen, einander aus dem Weg zu gehen.

Großzügige, ungleichmäßig verteilte, raumhohe geölte Lärchenholzfensterbänder bestimmen die Fassade der Wohnbereiche. Der Nutzer stimmte zu, auf die Vergitterung der Glasflächen zu verzichten. Wir konnten ihn überzeugen, dass die Gläser fix verglast werden. raumhohe 10cm breite Lüftungsflügel verhindern stattdessen ein unkontrolliertes Aussteigen aus den Zimmern. Die Materialien im Inneren entsprechen einer hochwertigen Herberge. Anstatt Materialien zu wählen, die sich nicht zerstören lassen, wurden solche verwendet,  die auch bei starker Nutzung gut altern können. Seekiefer für die Wandverkleidungen mit starker Maserung wirkt auch, wenn es punktuell abgeschlagen wird warm und wohnlich, der Vinylteppichboden ist strapazierfähig und bringt trotzdem die Haptik von „Wohnen“ in die Räume. Auf abgehängte Decken konnte durch eine dezentrale Versorgung im Keller großteils verzichtet werden. Daher kommen die Wohnbereiche ohne die im Wohnbereich störenden Revisionsdeckel in Zwischendecken aus, vielmehr gibt die Decke mit dem rauhen Akustikspritzputz dem Raum, neben der notwendigen Schallschutzverbesserung, Wertigkeit. Auch die restlichen Materialien sowie Vorhänge und Bestuhlung, machen die Wohngruppe hell, freundlich und geben ein temporäres Zuhause.

Der Wohntrakt ist zweigeschossig ausgebildet. Die niedrige Bauhöhe fügt sich gut in die Bauhöhen der Umgebung ein und ermöglicht es, die Freibereiche nahe der Umgebungspflanzung zu halten und dadurch eine angenehm intime Hofstruktur anbieten zu können. Felsenbirnen in den Höfen und Terrassen geben im Sommer Schatten. Zum Vordernberger Bach hin war es erlaubt, auf Mauern zu verzichten, mit der Anordnung der Freibereiche zu dieser Seite ist der Ausblick auf den Bach und die dahinter liegende Natur trotz Zaun erstaunlich ungestört. Die Höfe sind stark mit der Umgebung verklammert.

Jede der neun Wohngruppen ist tagsüber mit der Teeküche, dem Wohnzimmer, dem Raucher- und Waschbereich sowie dem Sofazimmer  für die jeweils dort untergebrachten Angehaltenen frei nutzbar. Um zu den im Herz der Anlage situierten Gemeinschaftsbereichen zu gelangen, ist eine Freigabe der Betreuer erforderlich.

Diese ostseitigen Finger zur Verwaltung bilden die Gemeinschaftszonen und durchdringen den formal strengen Verwaltungstrakt. An diesen Punkten finden die funktionalen Berührungspunkte zwischen den Angehaltenen und der Verwaltung Platz. Diese Treffpunkte (Besuch, Verhandlung von Asylfragen, Rückkehrberatung, Gemeinschaftsräume, Bibliothek, Shop sowie Meditationsraum und Fitness) öffnen sich zur Straße. Die von Süden nach Norden - über die gesamte Länge des Gebäudes - reichende Zone der gemeinschaftlich genutzten Einrichtungen kann im Bereich der Stiegen abgetrennt werden, um verschiedene Nutzergruppenunkompliziert voeinander zu trennen und trotzdem allen BewohnerInnen eine Nutzung der Gemeinschaftseinrichtungen zu ermöglichen.

Die Verwaltung wird konsequent bei allen Materialitäten von den Wohnbereichen differenziert. Hier stehen Funktionalität, Zweckmäßigkeit und Effizienz im Vordergrund. Nach außen steht das Gebäude mit seiner Stahlbetonfassade ruhig und sachlich da und zeigt nur mit drei großen Durchdringungen die vollflächig verglast sind, was sich an im Inneren des Objektes verbirgt. Die Anwesenheit der angehaltenen Menschen in Vordernberg ist durch die Einblicke sichtbar. Der Verwaltungstrakt übernimmt die Funktion einer Mauer entlang der Straße.Obwohl alle geforderten Sicherheitsanforderungen erfüllt sind, tritt das Gebäude nicht als Strafgefängnis in Erscheinung.

In unserer Arbeit beziehen wir uns auf drei Grundlagen - Die Sprache, die Würde, das Gesicht

Erstens geht es um Sprache. Schubhäftlinge sind keine Strafhäftlinge. Sie haben nichts verbrochen, außer, dass sie illegal hier sind. In unserem Projekt sprechen wir nicht von Gefängniszellen, sondern von Schlafräumen, von Wohngruppen und nicht von Haftbereichen, von Gemeinschaftsbereichen, nicht vom Gesperre. Wir hoffen, dass dieses Wording von jenen übernommen wird, die in den Räumen künftig arbeiten, und dann auch wirkt und gelebt wird.

Zweitens geht es um Würde. Wie kann man Menschen die in einer schwierigen Situation sind, ihre Würde und Selbstbestimmtheit belassen? In der momentanen Situation endet die Selbstbestimmung der Bewegungsfreiheit mit der Überlegung, wann man auf die Toilette geht, weil in jeder Zelle eine Toilette steht, während man beinahe für jede andere Tätigkeit eine Zustimmung benötigt. Wir möchten den Menschen möglichst viel Selbstbestimmung im Tagesablauf ermöglichen, durch Rückzugsräume und angemessene Größe der Wohngruppen. Wenn sich zwei Menschen nicht mögen, dann müssen sie sich aus dem Weg gehen können. Das ist eine Frage der Würde.

Drittens soll den Menschen ein Gesicht gegeben werden. Für uns ist es wichtig, dass es Kommunikation zwischen den Leuten,die den Schlüssel halten und daher die Macht besitzen und den Leuten, die diesen Schlüssel nicht haben, gibt. Das Betreuungsteam soll nicht in seinem eigenen abgeschlossenen Häuschen sitzen, sondern mit den Schubhäftlingen Kontakt haben. Die Strukturen der Wohnbereiche sind offen. Weiters gibt es - im Unterschied zu normalen Gefängnissen-  Ausblicke und Einblicke. Ein Staat hat nichts zu verstecken und muss hinter dem, was er Personen an Freiheit nimmt, stehen. Die Bewohner Vordernbergs können sehen, was drinnen passiert. Angehaltene können sehen, was draußen los ist. Die Prozesse rund um die Verhandlung des Aufenthaltsstatus finden nicht hinter verschlossenen Zimmern statt, sondern sind sichtbar. Wir meinen, dass Menschen anders miteinander umgehen, wenn Dinge nicht im Geheimen passieren. Unsere Architektur kann allerdings weder die große Frage beantworten, wie Europa mit Migration und Flüchtlingen umgeht, noch eine Lösung anbieten, wie Menschen ohne Aufenthaltstitel in Österreich eine Zukunft haben können.

Fotos: Hertha Hurnaus